Sketching auf Papier

In den frühen Phasen eines benutzerzentrierten Designprozesses sollte es nicht darum gehen, Fragen über die spätere visuelle Erscheinung zu klären. Weder Fragen wie: „Passt eigentlich Flat Design oder Skeuomorphismus besser zu unserer Smart Home Applikation?“ … müssen hier beantwortet werden. Auch Diskussionen über Größe, Schriftart und Eckradien von Buttons, oder zwischen Farbnuancen von Feuerwehrrot über Tornadorot zu Mohnblumenrot müssen an dieser Stelle nicht geführt werden.

Es sollte einzig und allein über die grundlegende Art und Weise der späteren Nutzung diskutiert werden, über Funktions- und Informationsangebot des Interfaces (aus „The Elements of User Experience“, Jesse James Garrett). Aber wie schafft man das? Gerade in Diskussionen mit Auftraggebern ist es oftmals schwierig den roten Faden einer Konzept-Diskussion zu halten. Oftmals scheitern diese Diskussionen schon am falschen Werkzeug. Seitenlange Textbeschreibungen, die das Funktionsangebot enthalten, mögliche Interaktionen und Seitenwechsel umschreiben, sind zu abstrakt um sich ein ganzheitliches Bild der Konzept-Idee machen zu können. Wiederum feingesetzte Mock-Ups oder gar ausgestaltete Layouts sind andererseits so konkret, dass die Teilnehmer sich an Details festhalten und genau die oben genannte, ungewollte Diskussion startet.

Will man ein Konzept präsentieren, diskutieren oder Feedback einholen, so sollte man mit einfachen Konzept-Skizzen arbeiten. Weder mit langen Textbeschreibungen noch mit fertig ausgestalteten Designs. Konzept-Skizzen (oder auch Scribbles) zählen zu den effektivsten Mitteln im Designprozess, um Auftraggebern grundsätzliche Abläufe innerhalb eines Bedienkonzeptes zu erläutern. Mit Nutzern kann man binnen kürzester Zeit und mit geringstem Aufwand Ideen testen und weiter entwickeln. Mit genügend Erfahrung lassen sich sogar 2-3 Iterationsschleifen PRO TAG durchführen.

Sobald man erste Konzept-Ideen im Kopf hat, greift man zu Papier und Stift und zeichnet eben diese Ideen auf, anstatt sie umständlich in Prosa zu umschreiben. Dieser Prozess wird oft auch „Sketching“ genannt. Obwohl Sketching auch als „Konzept-Zeichnen“ bezeichnet wird, bedeutet es nicht dass man gut zeichnen können muss. Viele der Scribbles, die bei uns entstehen sind weit davon entfernt perfekte Zeichnungen zu sein. Ganz im Gegenteil – einige davon sind sogar abends spontan in der Bar auf Bierdeckeln und Servietten entstanden. Meistens ist es sogar erst die Spontanität, die ein Scribble erst richtig charmant macht. Trotz hunderter Scribbles kann es einem schwer fallen gerade Linien zu zeichnen – aber es macht überhaupt nichts aus und es spielt auch überhaupt keine Rolle.

 

WELCHE VORTEILE HAT DAS SKETCHING AUF PAPIER?

Die Kombination von Papier und Stift ist das einfachste und am meisten verbreitete User Interface, was man sich vorstellen kann – jeder kann es bedienen

  • Sketching ist eine Form des visuelles Denkens, von visueller Kommunikation
  • Die Arbeit mit Papier ist grenzenlos – es gibt keine Tool-Probleme, man ist immer „online“ und es geht sogar aus der Badewanne 😉
  • Es gibt keinen vorgegebenen Stil, keine Regeln oder Richtlinien
  • Es ist wesentlich effizienter als die Arbeit am PC – gerade wenn es darum geht, ein erstes Layout zu finden
  • Auf Bürotischen oder an Bürowänden ausgebreitet lädt es geradezu zum Diskutieren ein, auch mit Kollegen, die nicht ins Projekt involviert sind
  • Ideen-Scribbles entstehen genauso schnell, wie sie wieder verändert oder verworfen werden können, es ist ein Prozess
  • Gerade als Designer tut man sich nicht so schwer eine nur 2 Minuten alte Idee direkt wieder zu verwerfen
  • Es zeigt uns Designern, dass unsere Ideen viel wichtiger für den Designprozess sind als die Tools die wir benutzen!

 

 

“It´s a thinking tool“

Bill Buxton, Chief Researcher at Microsoft

 

„It keeps you from getting caught up in the technology, and instead focuses you on the best possible solution, freeing you to take risks that you might not otherwise take.”

Peiter Buick, Senior UX Specialist at Universal Mind

 

 

WAS SOLLTE MAN BEACHTEN?

DON’T

  • unnötig an der Attraktivität des Scribbles aufhalten
  • unnötig an Details aufhalten, die für die Konzept-Idee nicht entscheidend sind
  • Komplexe und detailreich ausgearbeitete Scribbles, bei denen die Designer extra viel Zeit investieren haben, kann man höchstens verwenden, um Management oder Vorstand zu überzeugen

DO

  • schnell und iterativ vorgehen
  • auf die Problemstellung fokussieren
  • auf die Struktur konzentrieren (nicht die Details)
  • in ein Ideen-Scribble nur wenige Minuten investieren
  • ist die Idee ersichtlich, Feedback vom Team, Kollegen oder am besten den Benutzern einholen

 

WIE FÄNGT MAN AM BESTEN AN?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Die folgenden Bilder sollen jedoch einen Eindruck geben, wie Konzepte bei uns entstehen. In vielen Projekten erarbeiten unsere Usability Experten sogenannte Affinity Diagramme (siehe Foto unten). Affinity Diagramme enthalten zusammen mit Persona Profilen ausreichend erfasste Erkenntnisse wie Nutzerverhalten, Nutzungsprobleme, Handlungsabläufe, Restriktionen u.v.m. Auf Basis dieser Erkenntnisse beginnen wir mit der Konzeption.

 

Die Diagramme bieten uns Konzeptern / Designern eine ideale Grundlage, um im Team problem-/lösungsorientierte Scribbles zu entwickeln. Dabei werden einzelne oder auch zusammenhängende Notes im Team zunächst kurz andiskutiert. Gerade für Designer, die gerade erst ins Projekt einsteigen, ist diese Diskussion der ideale Einstieg. Zusammenhänge werden erfasst und direkt Lösungen hierfür entwickelt. Nach kurzer Abstimmung werden adhoc Scribbles zur Thematik angefertigt. Wie das obige Foto zeigt, nutzen wir in Teamdiskussionen Klebepunkte, um einzelne Affinity Notes zu markieren. Die Markierung steht hierbei für Notes, für die in den Scribbles schon Lösungen eingearbeitet wurden. So arbeiten wir uns Schritt für Schritt durch das Affinity Diagramm – und die Lösungen entstehen direkt anhand der im Research erfassten Nutzungsanforderungen.

 

WELCHE WERKZEUGE UND HILFSMITTEL KANN MAN NUTZEN?

Zur Scribble-Standardausrüstung gehört auf jeden Fall eine große leere Arbeitsfläche.
Außerdem sollte man auf jeden Fall parat haben:

  • weißes Papier (dünneres ca. 60g-80g und dickerer Karton ca. 200g-300g)
  • verschiedenfarbige Fineliner
  • verschiedenfarbige dickere Filzstifte / Marker
  • Buntstifte (z.B. um Flächen zu schraffieren)
  • Post-Its (durch die Klebefläche hervorragend geeignet um Tooltips, Pop-Ups oder Buttons hervorzuheben)
  • Schere, Tesafilm, Prittstift, Fixogum
  • Cutter-Messer und Schneidunterlage
  • SW- oder auch Farbkopierer (um Komponenten zu duplizieren, ein Scribbles zu iterieren oder Varianten zu erzeugen – ohne alles neu zeichnen zu müssen)

Optional bietet sich an:

  • Buntpapier (z.B. für verschiedenfarbige Hintergrundbereiche)
  • weißes Transparentpapier/Butterbrotpapier (z.B. um inaktive Bereiche oder Layer zu erzeugen)
  • buntes Transparentpapier (z.B. um selektierte Bereiche oder Highlights zu erzeugen)
  • Device-Templates (siehe auch Downloads)

Was man nicht zwingend braucht:

  • Bleistift + Radiergummi (verleitet zum häufigen korrigieren)
  • Lineal (verleitet zu Genauigkeit)

Ein Lineal zu benutzen ist Geschmackssache. Wir verwenden es nicht, da es unnötige Präzision erzeugt, man verliert sich schnell in Details und achtet auf korrektes Zeichnen. Möchte man filigrane Elemente wie Kacheln oder parallele Linien erzeugen, ist es eher behilflich für das Scribble dünneres Papier zu nutzen und ein Linien- oder Kreuzraster darunter zu legen. Je nach Einsatzzweck des Scribbles ist es auch sinnvoll mit verschiedenen Device-Templates zu arbeiten. Im Web findet man hierzu unzählige Vorlagen. Wir verwenden 4 grundlegende Templates:

 

BEISPIEL

Die abschließenden Videos sollen zeigen, wie ein Scribble bei uns entsteht. Sie zeigen wie detailliert (oder auch nicht detailliert 😉 ) es erarbeitet wird und welche Werkzeuge dabei Anwendung finden.

http://youtu.be/0A2SU6SM04g

http://youtu.be/rFf1dBqQgQ4

http://youtu.be/pViLDEZGthw

 

FAZIT

Anhand von Sketching in der Lage zu sein visuell zu denken ist mehr als nur ein Werk­zeug – es ist eine Arbeitseinstellung!
Lieber Stift und Papier in die Hand nehmen – als stundenlang um den heißen Brei herum reden! Was sind eure Erfahrungen?

 

LITERATUR UND QUELLEN